Am 24. März 2026 trafen sich Kolleginnen und Kollegen in der Bertelsmann-Repräsentanz in Berlin, um sich im Rahmen des jüngsten Treffens der Arbeitsgruppe „Pressefreiheit“ über die sich wandelnden Herausforderungen für die Pressefreiheit und den unabhängigen Journalismus auszutauschen.
Sonja Schwetje, Vorsitzende der Arbeitsgruppe, hob die Bedeutung des Dialogs zwischen den Bereichen der RTL Group und Bertelsmann hervor: „Die unterschiedlichen Perspektiven in dieser Gruppe sind eine echte Stärke, da sie uns helfen, Herausforderungen differenzierter zu betrachten und voneinander zu lernen.“
RTL Hungary: Journalismus und Medienfreiheit in einem schwierigen Umfeld
Das Treffen begann mit einem Beitrag von Robert Kotroczó, Nachrichtenchef bei RTL Hungary, der Einblicke in die aktuelle Medienlandschaft in Ungarn gab.
Er beschrieb, wie sich das nationale Mediensystem in den letzten Jahren erheblich verändert hat, wobei sich die öffentlichen Medien und die Kommunikation zunehmend an den Narrativen der Regierung ausrichten. Dies hat zu einem schwierigen Umfeld für den unabhängigen Journalismus geführt, in dem der Zugang zu politischen Vertretern oft eingeschränkt ist und kritische Berichterstattung an den Rand gedrängt werden kann.
Gleichzeitig hob Robert die Rolle von RTL Hungary als unabhängiger Akteur hervor: „RTL ist wie eine kleine Insel in Ungarn.“
Unabhängiger Journalismus bringt jedoch Herausforderungen mit sich. Da Journalisten oft nur eingeschränkten Zugang zu politischen Entscheidungsträgern haben, müssen sie neue Wege der Berichterstattung finden: „Das größte Problem ist, wenn niemand aus der Regierung mit einem spricht. Wir mussten alles aufzeichnen und immer wieder Fragen stellen – auch wenn es keine Antworten gab“, sagt Robert.
Die Diskussion wies auch auf Generationsunterschiede beim Medienkonsum und bei der politischen Wahrnehmung hin. Während ältere Zuschauer, die vor allem vom traditionellen Fernsehen geprägt sind, eher etablierten Narrativen folgen, werden jüngere Generationen zunehmend von digitalen Medien und alternativen Quellen beeinflusst.
Die Teilnehmer waren sich einig, dass es für den unabhängigen Journalismus unerlässlich bleibt, weiterhin kritische Fragen zu stellen – selbst unter Druck: „Die wahre Pressefreiheit ist die Freiheit, Fragen zu stellen.“
KI und Journalismus: Wer trägt Verantwortung?
Die Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf den Journalismus und die Geschäftsmodelle der Medien waren ein weiteres zentrales Thema, das von Cornelia Fuchs, stellvertretende Chefredakteurin des Stern, vorgestellt wurde.
Cornelia skizzierte, wie sich die Suche und das Nutzerverhalten bereits grundlegend verändern: „Wir erleben bereits das, was manche als ‚das Ende der Suche‘ bezeichnen.“ Sie wies darauf hin, dass KI-generierte Übersichten zunehmend traditionelle Suchergebnisse ersetzen – mit erheblichen Folgen für die Verlage: „Weniger als ein Prozent der Nutzer klickt auf Links in KI-Übersichten, und Verlage melden Traffic-Einbußen von bis zu 90 Prozent.“
KI-gesteuerte Dienste wie Google Search, Google Discover und KI-generierte Zusammenfassungen verändern die Art und Weise, wie Zielgruppen auf Informationen zugreifen. Dies wirft grundlegende Fragen zur Sichtbarkeit des originären Journalismus, zur Quellenangabe und zur Nachhaltigkeit journalistischer Geschäftsmodelle auf.
Gleichzeitig sind KI-Systeme in hohem Maße auf journalistische Inhalte als Grundlage angewiesen: „KI stützt sich auf vertrauenswürdigen Journalismus, wobei ein erheblicher Teil ihrer Quellen nach wie vor aus professionellen Medien stammt.“
Die Art und Weise, wie Inhalte verarbeitet und präsentiert werden, wirft jedoch kritische Bedenken auf. KI-generierte Zusammenfassungen weisen oft keine klare Quellenangabe auf oder kombinieren mehrere Quellen auf eine Weise, die den Sinn verzerren oder Ungenauigkeiten verursachen kann.
Die Diskussion warf folgende Frage auf: Wer ist für Fakten und Wahrheit verantwortlich, wenn KI verschiedene Quellen zusammenführt?
Dies ist besonders relevant für den investigativen Journalismus, wo Kontext und Genauigkeit von entscheidender Bedeutung sind. Die Teilnehmer wiesen zudem darauf hin, dass KI-Systeme Schwierigkeiten haben könnten, Primärquellen korrekt zu identifizieren, was das Risiko von Falschdarstellungen erhöht.
Zwischen Inhalteverantwortung und kreativer Freiheit
Pierrot Raschdorff von BMG erläuterte, wie das Unternehmen in der Praxis bei inhaltlichen Entscheidungen vorgeht.
Die Diskussion verdeutlichte die Komplexität des Spagats zwischen künstlerischer Freiheit und inhaltlicher Verantwortung. Angesichts der Vielfalt an Künstlern und Inhalten erfordert jeder Fall eine sorgfältige, individuelle Beurteilung. Während die kreative Freiheit der Künstler weit gefasst ist, helfen interne Prozesse dabei, verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. Dieser Ansatz stützt sich auf vier Kernprinzipien: Künstlerische Freiheit steht an erster Stelle, der Kontext ist entscheidend, keine Verstärkung von Schaden, Verantwortung vor Neutralität.
BMG hat „SafeSound“ eingeführt, ein intern entwickeltes, KI-gestütztes Tool zur Identifizierung potenziell sensibler Inhalte. Das System sucht nach öffentlichen Kontroversen rund um die Songtexte der Künstler; die Texte und Inhalte werden anhand definierter Risikokategorien wie Rassismus, Sexismus und Antisemitismus analysiert, und die Ergebnisse werden in einem strukturierten Format mit potenziellen Risikoindikatoren dargestellt, um anschließend von den Teams überprüft, in den Kontext gesetzt und bewertet zu werden.
Pierrot fasst zusammen: „Inhalteverantwortung lässt sich nicht immer mit eindeutigen Antworten beantworten. Es bedeutet, ein konsequentes Urteilsvermögen anzuwenden, die richtigen Fragen zu stellen und Verantwortung für die Entscheidungen zu übernehmen, die wir treffen.“
Rechtliche Perspektiven: Abwägung zwischen Pressefreiheit und Persönlichkeitsrechten
Der Rechtsexperte Simon Bergmann von der Anwaltskanzlei Schertz Bergmann, die für die Vertretung hochkarätiger Fälle im Medienrecht bekannt ist, gab Einblicke in das Spannungsfeld zwischen Pressefreiheit und Persönlichkeitsrechten.
Er hob die zunehmende Komplexität der Berichterstattung in sensiblen Fällen hervor, insbesondere im Zusammenhang mit investigativem Journalismus und Vorwürfen. Medienunternehmen müssen eine ausreichende Faktengrundlage und eine ausgewogene Berichterstattung gewährleisten, insbesondere wenn es um Verdachtsberichterstattung geht.
Gleichzeitig wies er auf neue Herausforderungen hin, die sich aus KI-generierten Inhalten und Deepfakes ergeben und Fragen hinsichtlich Haftung, Verifizierung und dem Schutz von Personen aufwerfen.
Trotz dieser Herausforderungen betonte Bergmann die Bedeutung der Pressefreiheit als grundlegende Säule demokratischer Gesellschaften.
Gemeinsames Bekenntnis zur Pressefreiheit
In allen Diskussionen waren sich die Teilnehmer einig: Pressefreiheit ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine fortwährende Verantwortung.
Ob angesichts politischen Drucks, technologischer Umbrüche oder rechtlicher Herausforderungen – die Aufrechterhaltung eines unabhängigen, ausgewogenen und verantwortungsvollen Journalismus bleibt unerlässlich.
Sonja Schwetje, Vorsitzende der Arbeitsgruppe, fasste es so zusammen: „Es ist ein schmaler Grat – neutral zu berichten und gleichzeitig dem Druck standzuhalten. Entscheidend ist, dass wir uns nicht von politischen Agenden leiten lassen.“
Die Arbeitsgruppe „Pressefreiheit“ wird auch weiterhin als Plattform für Austausch und Zusammenarbeit innerhalb der RTL Group und Bertelsmann dienen.
Mitglieder der Bertelsmann-Arbeitsgruppe „Pressefreiheit“:
- Sonja Schwetje (Vorsitzende der Arbeitsgruppe sowie Geschäftsführerin & Programmchefin bei RTL Nord)
- Oliver Fahlbusch (RTL Group)
- Cornelia Fuchs (stellvertretende Chefredakteurin von Stern, RTL Deutschland)
- Rebecca Haase (RTL Group)
- Katharina Kleff (RTL Group)
- Barbara Kutscher (Bertelsmann)
- Rebecca Prager (Penguin Random House)
- Sabine Niemeier (Penguin Random House)
- Pierrot Raschdorff (BMG)
- Meike Rodenstein (RTL Deutschland)
- Gregor-Peter Schmitz (Chefredakteur von Stern, RTL Deutschland)
- Kirsten von Hutten (Bertelsmann)
- David Whigham (Chefredakteur von NTV, RTL Deutschland)
- Gernot Wolf (Bertelsmann Marketing Services/Arvato)