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Pressefreiheit, Journalismus und öffentliches Vertrauen: Fünf Fragen an Liv von Boetticher
RTL-Journalistin Liv von Boetticher spricht über ihre Erfahrungen im Berufsalltag, aktuelle Debatten im Journalismus und die Frage, wie glaubwürdige Berichterstattung in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft gelingen kann.

Ein aktueller Reportageeinsatz über Gewalt an Bahnhöfen hat bei RTL-Journalistin Liv von Boetticher eine intensive Debatte über Pressefreiheit und die Rolle des Journalismus ausgelöst. Nachdem sie ihre Gedanken dazu in einem viel beachteten Social-Media-Beitrag geteilt hatte, sprachen wir mit ihr über die Bedeutung unabhängiger Berichterstattung, den Umgang mit kontroversen Themen, das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Medien und die Herausforderungen, denen Journalistinnen und Journalisten heute begegnen.

1. In deinem kürzlichen Social-Media-Beitrag auf X beschreibst du die Pressefreiheit als eine der größten Errungenschaften einer Demokratie. Was bedeutet Pressefreiheit für dich in deiner täglichen Arbeit als Journalistin?

Liv: Pressefreiheit ist ein essenzielles Gut einer Demokratie. Sie gibt allen Menschen die Möglichkeit, ihre Meinung frei zu äußern sowie Meinungen aufzunehmen und weiterzuverbreiten.

In den letzten Jahren haben wir festgestellt, dass es an den politischen Rändern immer schwieriger wird, normale Arbeit der freien Presse zu machen. In einer Demokratie muss man unterschiedliche Perspektiven und Gegenargumente aushalten können. In dem Moment, in dem wir relevante Aspekte, etwa aus Sorge vor Fehlinterpretationen oder politischer Vereinnahmung, nicht mehr ausreichend beleuchten, gerät etwas aus dem Gleichgewicht.

Pressefreiheit ist kein naturgegebenes Gesetz – sie muss bewahrt und verteidigt werden. Ich war für RTL bereits in vielen Ländern unterwegs. Es ist ein großes Glück, so arbeiten zu können, wie wir es in Europa tun. Als ich das letzte Mal in Afghanistan war, wurde die Arbeit der Presse verboten.

2. In deiner Reportage beschreibst du eine Begegnung mit anderen Journalisten, die die Arbeit deines Teams in Frage stellten bzw. sogar verhindern wollten. Warum hat dich dieser Moment so stark bewegt, und was hat er dir über aktuelle Debatten innerhalb des Journalismus offenbart?

Liv: Mein Team und ich hatten die Bundespolizei bei der Arbeit begleitet und uns mit dem Thema Gewalt an Bahnhöfen beschäftigt. Die Journalisten, die auf uns zukamen und aktiv unsere Dreharbeiten behinderten, störten sich an unserer Arbeit und warfen uns vor, durch die Berichterstattung zu stigmatisieren. Die Bundespolizisten hatten konkrete Gründe für die Kontrolle und gingen ihrer Arbeit nach. Dennoch wurde ihnen Racial Profiling unterstellt und uns vorgeworfen, dies medial zu verstärken.

Mich hat beschäftigt, dass es dabei nicht mehr um die Arbeit der Beamten ging, sondern darum, was Journalisten für zeigbar halten und was nicht. Ich habe in den vergangenen Jahren öfter den Eindruck gewonnen, dass wir in bestimmten Debatten aus Sorge vor Stigmatisierung zu vorsichtig geworden sind. Dieser Gedanke ist grundsätzlich wichtig und richtig. Gleichzeitig müssen wir Entwicklungen benennen können, wenn sie relevant sind.

Bei diesem Vorfall habe ich gemerkt, dass sich in Teilen der Debatte eine Eigendynamik entwickelt hat, die den konkreten Sachverhalt aus dem Blick verliert. Aus Sensibilität darf keine Zurückhaltung entstehen, die relevante Fakten ausblendet. Journalismus trägt eine enorme Verantwortung. Wir müssen der Öffentlichkeit ein realistisches Bild der Situation vermitteln. Wenn Menschen den Eindruck gewinnen, dass ihre Alltagserfahrungen in den Medien nicht vorkommen, leidet das Vertrauen.

Es gibt den journalistischen Leitspruch „Sagen, was ist“. Ich habe manchmal den Eindruck, dass dieser Anspruch in den vergangenen Jahren etwas verloren gegangen ist. Wenn persönliche Überzeugungen zu stark in den Vordergrund treten, leidet die Glaubwürdigkeit. Die eigene Meinung muss hinter Ausgewogenheit und Fakten zurückstehen.

3. Das Vertrauen in die Medien wird häufig diskutiert. Was können Journalisten und Nachrichtenorganisationen deiner Meinung nach tun, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in unabhängige Berichterstattung zu stärken?

Liv: Wir sollten genau hinhören, was die Menschen bewegt. Viele Themen, die im Alltag eine große Rolle spielen, sind nicht automatisch auch die Themen, die Journalisten selbst am meisten beschäftigen. Unsere Aufgabe ist es, mit Menschen ins Gespräch zu kommen und ihre Perspektiven ernst zu nehmen.

Journalismus hat keinen erzieherischen Auftrag. Es ist nicht unsere Aufgabe, Menschen zu erklären, wie sie denken sollen. Unsere Aufgabe ist es, Informationen bereitzustellen und Entwicklungen einzuordnen.

Aus meiner Sicht müssen Probleme klar benannt werden. Sonst entsteht die Gefahr, dass Menschen sich nicht mehr abgeholt fühlen und sich anderen Informationsquellen zuwenden. Ich arbeite bewusst für RTL, weil ich in meiner journalistischen Arbeit immer die Unterstützung erfahren habe, Themen offen anzusprechen.

4. Du stehst dafür ein, dass Journalisten die Realität dokumentieren sollten – auch dann, wenn sie unbequem oder kontrovers ist. Wie gelingt es dir, die Öffentlichkeit zu informieren und gleichzeitig die nötigen Hintergründe und Zusammenhänge zu vermitteln, ohne komplexe Themen zu stark zu vereinfachen?

Liv: Gerade bei politisch sensiblen Themen wäre Vereinfachung falsch, weil dabei wichtige Aspekte verloren gehen können. Gleichzeitig darf Berichterstattung die Menschen nicht überfordern.

Bei unserem Beitrag mit der Bundespolizei haben wir beispielsweise bewusst nicht alle verfügbaren Zahlen verwendet, weil dies den Beitrag überladen hätte. Fernsehen bietet den Vorteil, Informationen auch über Bilder zu vermitteln. Gleichzeitig ist es uns wichtig, bei gesellschaftlich relevanten und kontroversen Themen Experten einzubeziehen, damit Entwicklungen eingeordnet werden können.

5. Was bereitet dir mit Blick auf die Zukunft der Pressefreiheit und des unabhängigen Journalismus die größten Sorgen – und was gibt dir Anlass zu Optimismus?

Liv: Meine größte Sorge ist, dass wir eine Verrohung im Land sehen, die sich auch in Gewalt gegenüber Presse äußert. Ich wurde im vergangenen Oktober erstmals während Dreharbeiten körperlich angegriffen, als ich zum Thema Sozialleistungsmissbrauch recherchiert habe. Dabei wurde ich von hinten angegriffen, in die Nieren getreten und landete anschließend im Krankenhaus.

Auch Kollegen berichten von zunehmenden Störmomenten bei der Arbeit. Das kann relativ harmlos sein, dass jemand versucht vor die Kamera zu springen oder Dreharbeiten behindert. Es kommt aber auch vor, dass man physisch angegriffen wird, dass man geschubst, die Ausrüstung weggerissen oder sogar mit Steinen beworfen wird. Bei Demonstrationen oder während des Kölner Karnevals arbeiten wir inzwischen mit Sicherheitspersonal. Das war vor einigen Jahren noch nicht nötig.

Hoffnung macht mir aber, dass viele Medienhäuser inzwischen intensiv darüber diskutieren, wie ausgewogene und glaubwürdige Berichterstattung gelingen kann. Ich habe den Eindruck, dass sich in vielen Redaktionen wieder stärker die Frage durchsetzt, wie man unterschiedliche Perspektiven abbildet und nah an den Menschen bleibt.